Impuls für die Kalenderwoche 22: Katholisch sein ist ein Körpergefühl

Impuls von Pastoralreferentin Johanna Vering

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

„In der Kirche bleiben oder gehen?“ Ein Gesprächsabend im Gemeindehaus – weit vor der Corona-Krise, an meiner vorherigen Stelle. Mit dabei: Evangelische, katholische und ausgetretene Christen. Menschen, die nicht wissen, ob sie bleiben oder gehen wollen. Und solche die geblieben sind.

Einige berichten davon, wie weh ihnen Leute in der katholischen Kirche getan haben und wie verletzt sie waren. Bis sie endlich entschieden haben zu gehen. Andere erzählen, dass sie auch gerne gehen würden aber irgendwie nicht können. Da sagt ein Teilnehmer, übrigens ein evangelischer Pfarrer: „Ich kann Ihnen sagen, warum Sie nicht gehen können. Katholisch sein ist ein Körpergefühl.“

Das trifft für mich den Nagel auf den Kopf. „Katholisch sein ist ein Körpergefühl“. Ich weiß, das klingt im Zuge des Missbrauchsskandals problematisch.

Katholisch sein als Körpergefühl – das ist schwer zu beschreiben. Das Katholische ist einfach sehr sinnlich. In Gottesdiensten z.B.: sitzen, stehen, knien, Glocken, Orgel, singen, Weihrauch, Essen und manchmal Trinken, also: Brot und Wein. Oder jetzt dieser Tage: Fronleichnam. Unter normalen Umständen gäbe es Prozessionen durch die Straßen. Und anschließend sitzt man oft gemütlich zusammen, quatscht, isst und trinkt.

Katholisch sein spricht alle Sinne an. Ich kenne das seit ich ein kleines Kind bin. Ich bin damit aufgewachsen und da reingewachsen. Und ja, bis vor einiger Zeit habe ich mich damit wohl gefühlt.

Das hat sich verändert. Ich sehe die großen Probleme, die meine katholische Kirche mit sich selbst hat. Der Missbrauchsskandal, nur Männer in wichtigen Positionen, ich kann als Frau nicht komplett das machen, was meinen Talenten entspricht. Die Kirche ist wenig offen für das, was in der Welt wirklich passiert. Da kann ich mich nicht wohlfühlen.

Und trotzdem bin ich z.B. im Gottesdienst zuhause. Die Rituale, die Körperhaltungen, die Lieder, die Musik, die Gebete. Das gehört zu mir. Oder wenn ich mit Leuten besondere Aktionen durchführe oder über den eigenen Glauben spreche. Dann wird mir wieder klar, worum es eigentlich geht: um Gott, um diese sensationelle Botschaft, dass ich schlicht und ergreifend immer geliebt bin. Und dass ich nicht alleine durchs Leben gehen muss. Dass wir Menschen zusammengehören und dass es nur gemeinsam geht.
Deshalb ist es gerade auch für viele so schwierig, dass Gottesdienste nur in so ganz anderer Form stattfinden können. Das ist auch ein schmerzlicher Teil dieses Körpergefühls.

„Katholisch sein ist ein Körpergefühl“ dieser Satz macht es mir nicht leichter, dabei zu sein. Aber seit ich ihn kenne, verstehe ich selbst besser, warum ich in dieser Kirche bin und bleibe.

Impuls von Pastoralreferentin Johanna Vering